Hochschulwettbewerb 2013

 
Thursday 17.12.15

Augmented Human: how can technology extend human capabilities?

Research in the field 'Augmented Human' considers how technology can optimise humans by extending our capabilites. We interviewed Dr Michael Minge from the TU Berlin to find out about the future world of the optimised human being.

Beliebte Verbraucherelektronik ist praktisch und leicht zu bedienen. Außerdem sollten MP3 Player & Co natürlich gut aussehen. Immer mehr Leute hoffen auch auf die Entwicklung von neuen Technologien, die menschliche Fähigkeiten optimieren. Sind Kriterien wie Aussehen und einfache Handhabung auch in diesen Bereichen und in der Medizintechnik  entscheidend?

Selbstverständlich! Das Aussehen ist sogar extrem wichtig, wenn es darum geht, wie wir technische Produkte erleben, ganz gleich ob wir sie im Geschäft auswählen, ob wir sie selbst einsetzen oder andere Leute bei der Nutzung beobachten.

Das Aussehen ist vor allem deshalb wichtig, weil wir das, was wir sehen, ohne viel Nachzudenken sofort mit einem Gefühl bewerten: Finden wir gut was wir sehen und wollen wir das auch haben oder sind wir zurückhaltend und fühlen wir uns eher abgestoßen. Es ist nicht leicht zu sagen, wie ein gutes Design konkret auszusehen hat. Es gibt auch viele Beispiele dafür, dass uns Dinge, die wir im ersten Moment wahnsinnig attraktiv finden, schon nach zwei Wochen todlangweilig vorkommen, genau so wie wir die Schönheit anderer Produkte erst mit der Zeit entdecken.

Wenn es um die technische Erweiterung des Menschen geht, gibt es beim Aussehen übrigens noch ein spannendes Ergebnis: Technik, die extrem realistisch, also sehr menschnah, aussieht, löst bei vielen Personen ein starkes Unwohlsein oder sogar Ekel aus, ein Effekt, den man als "Uncanny Valley" bezeichnet.

Neben dem Aussehen macht es natürlich auch eine einfache Handhabung leichter, schnell und unkompliziert zum Ziel zu kommen. Das beste Werkzeug ist das, das ich sofort verwenden kann und wo ich nicht lange darüber nachdenken muss, wie ich es zu bedienen habe. Je einfacher (oder je "intelligenter") das Werkzeug ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Wahrnehmungsbereich meiner Umwelt mit Hilfe dieses Geräts erweitere, vielleicht sogar, dass ich es als Teil meines Körpers akzeptiere und ganz "normal" finde.

Spielerische Elemente sind häufig fester Bestandteil von Computerprogrammen. Aber mit Handys spielen wir mehr als mit Waschmaschinen. Sind spielerische Elemente auch im Bereich der Medizintechnik relevant?

Die meisten Menschen, ob jung oder alt, mögen Spiele. Spiele dienen nicht nur dem Zeitvertreib, sondern sie helfen, schwierige Dinge zu lernen, sich in bestimmten Bereichen auszuprobieren und mit der Zeit seine Fähigkeiten zu verbessern. Spiele machen Spaß, sie sind motivierend und oft erleben wir während des Spiels Gemeinschaft mit anderen.

Auch im Bereich der Medizintechnik kann ich mir viele Anwendungen vorstellen, bei denen spielerische Elemente unglaublich nützlich sind. Zum Beispiel die vielen Apps, die mich in einer gesunden Ernährung unterstützen oder mich motivieren mehr Sport zu machen, sogenannte "Exergames". Oder das Wii Board im Seniorenheim, mit dem ältere Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, einen gemeinsamen Sparziergang in einem virtuellen Park machen können, um ihre Beweglichkeit zu erhalten.

Im Bereich Medizintechnik gibt es sehr viele Dinge, die wichtiger sind als spielerische Elemente, z.B. die Vermeidung von Fehlern, Unfällen oder gesundheitlichen Risiken und der persönliche, aber auch gesellschaftliche Nutzen von Technik. Aber wenn man sich überlegt, wie unterstützende Technik für den Menschen gestaltet sein sollte, dann sorgen spielerische Interaktionsformen oft für Überraschungen, sie wecken mehr Neugier und erhöhen die Nutzungsmotivation. Hätte meine Waschmaschine zu Hause spielerische Elemente, würde ich das Wäsche waschen vielleicht öfter übernehmen!

Freunde von mir wollen aus Datenschutzgründen keine RFID-Tags in ihren Kreditkarten. Der Mitbewohner meiner Schwester hingegen plant kleine RFID-Tags in seine Hände einbauen zu lassen, damit er unter anderem die Wohnungstür ohne Schlüssel öffnen kann. Was ist zu berücksichtigen, wenn wir unseren Körper mit Technik erweitern?

In erster Linie stellt sich die Frage des Persönlichkeitsschutzes: Wer kann eigentlich wann und zu welchem Zweck auf meine Datenspuren, die ich hinterlasse, zugreifen und welche Schlüsse kann er über meine Person ziehen? Wir hinterlassen ja auch heute schon extrem viele Spuren: Beim Chatten, beim Shoppen, bei der GPS-Navigation, ja selbst wenn wir mit einem ausgeschalteten Handy durch die Stadt laufen. Viele der Anwendungen sind extrem nützlich und wir sollten einen Weg finden, nicht auf sie verzichten zu müssen.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn andere, die keine Berechtigung haben, auf diese Daten zugreifen können, vielleicht auch weil sie einen Schaden zufügen wollen. Eine Tür mit einem RFID-Tag kann genauso leicht "geknackt" werden, wie eine mechanische Tür - aber in gewisser Weise ist es unaufwändiger, weil ich weniger handwerkliches Geschick dafür brauche. Und wir dürfen nicht vergessen, dass durch den zunehmenden Einsatz von Technik auch die Vernetzung von Geräten immer mehr zunimmt. Hier braucht es entsprechende Sicherheitsvorkehrungen, sodass Fehler schnell als solche erkannt werden und sich in einem komplexen System nicht ausbreiten.

Es wird immer wieder kleinere oder größere Vorsprünge und Ideen in diesem Bereich geben und es ist gut, dass wir verschiedene Möglichkeiten und Grenzen ausprobieren und uns darüber unterhalten. Wenn wir die Erweiterung durch Technik komplett ablehnen oder uneingeschränkt befürworten, fehlt uns in der Regel einfach nur die Fantasie für die jeweils andere Seite.

Wie würden Sie am liebsten Ihren eigenen Körper optimieren? Lassen Sie sich von der Medizintechnik oder Ihrem Lieblings-Superhelden inspirieren? Welche Fähigkeiten hätten Sie gerne?

Mh, also ich finde es manchmal schade, dass ich mich nicht gut mit anderen Leuten unterhalten kann, wenn ich nicht ihre Sprache spreche oder sie nicht meine. Fremdsprachen zu lernen, dauert oft sehr lange und braucht viel Übung. Hier würde ich mir Möglichkeiten für einen direkten Austausch wünschen, ohne auf Dolmetscher oder technische Hilfssysteme angewiesen zu sein.

Außerdem habe ich manchmal Ideen oder Bilder im Kopf, die sich nur schwer beschreiben lassen. Dann fange ich an, sie zu malen oder aufzuzeichnen. Interessant fände ich eine Art "Gedankendrucker", der mir diese Bilder auf einem Tablet anzeigt. Das wäre toll, weil ich die Bilder ja durch Gedankensteuerung auch direkt weiterverändern könnte!

Navigationssysteme im Auto mag ich nicht, weil sie mir sagen, was ich zutun habe. Ich will die Kontrolle und Verantwortung für meine Orientierung gerne selbst behalten. Was liegt also näher, als den menschlichen Orientierungssinn durch Technik zu verbessern, z.B. in Form einer "Navigationsnase"?

Lasse ich mich durch Superhelden inspirieren, dann würde ich am liebsten fliegen können, nicht in den Urlaub, sondern nur so hier in der Stadt, um schnell irgendwo hinzukommen und keinen Parkplatz suchen zu müssen. Die Verletzungsgefahr muss natürlich ausgeschlossen sein.

Wir haben interessante Beispiele von augmented-human Technik gesehen. Was meinen Sie dazu: Würden Sie gerne Ihre Haut als Mauspad benutzen? Fänden Sie es unheimlich, wenn sich Ihr Kühlschrank nur noch öffnen ließe, wenn Sie ihn anlächeln?

Unheimlich ist nicht das richtige Wort... Ich fürchte, ich fände es lästig. Viele Beispiele, die vorgeschlagen werden, sind durchaus sehr spannend und ich denke mir, ja warum eigentlich nicht.

Man darf vor allem nicht vergessen, dass es sicherlich eine ganze Menge Leute gibt, die durch diese neuartigen Ideen überhaupt erst die Möglichkeit haben, bestimmte Dinge autonom zu erledigen. Ein Mousepad in der Hand zum Beispiel ist super praktisch für taubstumme Menschen, die Informationen über das Fingeralphabet austauschen, sie könnten dann sogar über das Internet mit anderen, eingeschränkten oder nicht-eingeschränkten, Personen chatten! Der Kühlschrank, der sich automatisch öffnet, wenn man ihn nur anlächelt, kann für andere Menschen nützlich sein, damit sie ihn überhaupt ohne Hilfe selbst aufmachen können.

Viele solcher Produkte würden mein Leben bereichern. Aber sicher gibt es auch viele, bei denen ich mir denke, mh, das würde ich doch lieber mit dem langweiligen Knopf oder der altbekannten Taste erledigen, über die ich nicht viel nachdenken muss und die ziemlich sicher zum Ziel führt. Morgens den Kühlschrank anzulächeln, dem Automaten zu sagen, den Kaffee heute nicht ganz stark zu machen, die Waschmaschine zu schubsen, damit das Hemd noch sauber wird und meine Zahnbürste zum Putzen zu überreden, klingt lustig, würde mich aber auf Dauer ziemlich stressen. Und das wäre nicht der Sinn von Technik. 

Für Bill Buxton muss Technik nützlich und benutzbar sein. Aber ebenso entscheidend ist, ob sie denn auch tatsächlich von den Anwendern genutzt wird. Und das gilt es, immer wieder herauszufinden!

Vielen Dank für die interessanten Einblicke und Denkanstöße Herr Dr. Minge!